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Neues Programm 'Protest & Widerstand' - Reaktion auf „Tabubruch G20“

Das nächste 'Lesen ohne Atomstrom' ist terminiert: für den Jahreswechsel 18/19. Erstmals wird das Programm unter einem übergreifenden Motto stehen – 'Protest & Widerstand'. Damit reagiert das Literaturfestival auf den „Tabubruch, den der rot-grüne Senat letztes Jahr mit G20 begangen hat“, teilten die Festivalsprecher Oliver Neß und Frank Otto am 5. Juli mit - genau ein Jahr nach dem Protestevent 'Lesen ohne Atomstrom gegen G20' mit mehr als einem Dutzend Autoren und Künstlern. Das inzwischen achte 'Lesen ohne Atomstrom' im November '18 und Januar '19 prägen ausgewählte Werke von Persönlichkeiten der Zeitgeschichte, die für zivilgesellschaftliches Engagement, für Protest, für Widerstand stehen: Frida Kahlo, Rudi Dutschke, Che Guevara, Margot Friedländer, Esther Bejarano, Beate Klarsfeld und viele mehr. Präsentiert wie immer von zahlreichen Kulturstars - wie Suzanne von Borsody, Barbara Auer, Mathieu Carrière oder Walter Sittler.

„Für G20 setzte Hamburgs Landesregierung elementare Grundrechte außer Kraft, übergab die Stadt für einige Tage an eine militarisierte Polizei. Viele Bürger haben widersprochen, einige auch widerstanden. Solch verdienstvolles zivilgesellschaftliches Engagement würdigt 'Lesen ohne Atomstrom' mit seinem neuen Programm 'Protest & Widerstand'“, so Neß und Otto.

Mit einer konzertanen Lesung wird an die Verdienste Frida Kahlos um Emanzipation und Frauenbewegung erinnert. Gretchen Dutschke wird das Erbe der '68er' beleuchten. Die Holocaust-Überlebenden Margot Friedländer und Esther Bejarano treffen auf die Frau, die ihre Peiniger aus den KZs um die Welt jagte: Beate Klarsfeld, Ikone antifaschistischen Widerstands in der Nachkriegsära.

Ein Beispiel für bürgerschaftliches Eintreten gegen Verleumdung durch Politik, Medien und Polizei beschreibt der Liverpooler Autor Adrian Tempany in seinem Buch 'And the Sun shines now': Zwei Jahrzehnte wurden die 96 Toten der Tragödie in Sheffields Hillsborough-Stadion als Opfer skrupelloser Fußballfans dargestellt. Bis das Lügenkonstrukt entlarvt, die Verantwortlichkeit der Behörden für das Drama belegt wurde – und Großbritanniens Premierminister sich entschuldigte. Die Texte liest ein Ensemble aus namhaften Fußballprotagonisten, das mit dem Autor die Entwicklung des einstigen „Volkssports“ diskutiert, moderiert von der fußball-affinen Krimiautorin Simone Buchholz.

Zudem arrangiert 'Lesen ohne Atomstrom' erstmals eine Lesung prominenter Schauspieler aus dem europaweit diskutierten Band 'Der kommende Aufstand'. Ausgerechnet konservative Feuilletonisten bejubeln das „glänzend geschriebene“ Manifest der Militanz als „wichtigstes linkes Theoriebuch unserer Zeit“. Derweil radikale Linke mit dem Aufruf zur Revolte fremdeln. Dies diskutieren bei 'Lesen ohne Atomstrom' Aktivisten und Künstler, unter anderem mit dem Verleger der 'Bibliothek des Widerstands' Karl-Heinz Dellwo.

Überdies kommt der Zustand der Pressefreiheit im zunehmend populistisch geprägten Europa auf den Prüfstand: Nachdem 32 Berichterstattern beim G20 ihre Akkreditierungen entzogen wurden, wofür die gastgebende Bundesregierung bis heute eine Begründung verweigert. Unter dem Titel 'Under Pressure' diskutieren unter anderem WikiLeaks-Mitbegründerin Birgitta Jonsdottir aus Island, die frühere Vogue-Chefredakteurin Colombe Pringle aus Frankreich, der vom Mediengesetz Viktor Orbans massiv drangsalierte ungarische Pulitzer-Preisträger Attila Mong und der im deutschen Exil lebende türkische Autor Dogan Akhanli, der 2017 im Spanien-Urlaub mehrere Wochen lang auf Druck des Erdogan-Regimes festgesetzt wurde und nur knapp seiner Auslieferung entging.

Die Festivalwoche im Januar '19 wird von einem zweitägigen Prolog im November '18 eingeleitet, anlässlich des dann in Buenos Aires stattfindenden G20: Dazu zeigt das Hamburger Literaturfest erstmals eine Ausstellung – die Gipfel-Retrospektive 'Die Diskreditierten'. 'Lesen ohne Atomstrom' hat dafür Pressevertreter zusammengebracht, denen bei den Gipfeln 2007 in Heiligendamm und 2017 in Hamburg ihre Akkreditierungen entzogen wurden. „Die Aussperrung von Berichterstattern in Hamburg war kein bedauerliches Versehen, sondern hat Methode, wenn die Bundesregierung Gastgeber ist: Obgleich das beim G8 in Heiligendamm bereits so praktiziert wurde und Gerichte dies als rechtswidrig verurteilt haben, wurde auch in Hamburg zehn Jahre später nach selbem Muster vorgegangen“, sagt Otto. 'Lesen ohne Atomstrom' wird die Arbeiten der diskreditierten Medienvertreter an verschiedenen Plätzen in Hamburg für die Öffentlichkeit zugänglich machen, zuerst im Stadion des FC St. Pauli, wo das Alternative Medienzentrum beim G20 beheimatet war. Neß: „Hier lassen wir die geradezu routinierten Übergriffe der Behörden auf die Pressefreiheit auch sachkundig einordnen.“

So werden am Millerntor Ex-Bundesinnenminister Gerhart Baum, der langjährige Datenschutzbeauftragte der Bundesregierung Peter Schaar, der Richter am Bremer Staatsgerichsthof Rolf Gössner und der ehemalige Vorsitzende Richter am Bundesgerichtshof Thomas Fischer das Vorgehen der Sicherheitsbehörden beim G20 in Hamburg diskutieren. Die Runde moderiert Strafverteidiger Gerhard Strate.

Der nächste Gast kommt tags darauf direkt vom dann aktuellen G20-Schauplatz in Buenos Aires zu 'Lesen ohne Atomstrom': Juan Martín Guevara wird Persönliches und Politisches aus dem Zusammenleben mit dem berühmten Bruder Che berichten. Und über das zivilgesellschaftliche Engagement in Buenos Aires gegen G20 informieren.

Der Eintritt bei allen Veranstaltungen ist wie immer frei. Das komplette Programm wird im Oktober veröffentlicht.