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„Fake News“ – oder: Die „Missverständnisse“ des 'Spiegel'

Die Urteile von Medienexperten über die Berichterstattung der Zeitschrift 'Der Spiegel' zum Hamburg-Besuch der früheren italienischen Senatorin Haidi Giuliani anlässlich des G20 sind prägnant: Mindestens zwei der Darstellungen seien „Fake-News“ und „systematische Erfindungen“, urteilt der langjährige Deutschlandfunk-Chefredakteur Rainer Burchardt. Und der Vorstand des Hamburger Presseclubs, Frank Otto, sagt: „Der 'Spiegel' ergeht sich in wilder Phantasie während die grad vom 'Spiegel' in seiner Eigenwerbung unablässig beschworene 'Wahrheit' doch so unendlich viel spannender war.“ Konstantin Wecker, Herausgeber des Portals 'Hinter den Schlagzeilen', spricht unumwunden von „Lügen“. Über die „Suche nach der Wahrheit beim 'Spiegel'“ berichten zahlreiche Medien - unter anderem die Medienmagazine 'M' und 'MEEDIA'.

https://mmm.verdi.de/beruf/spiegel-auf-der-suche-nach-der-wahrheit-46327

http://meedia.de/2017/11/30/fake-news-oder-kein-respekt-vor-der-wahrheit-der-spiegel-und-die-hotelzimmer-szene-die-es-nie-gab/

Eine Woche nach G20 hatte der 'Spiegel' über Haidi Giuliani berichtet: „Sie sah den Rauch, den Tumult (…) aus sicherer Entfernung von ihrem Hotelzimmer am Hamburger Hauptbahnhof aus.“ Falsch: Als es zu Auseinandersetzungen kam, war Giuliani gar nicht in Hamburg. Giuliani: „Zu diesem Zeitpunkt bin ich mit meinem Hund Gassi gegangen, in Genua. Während meines Hamburg-Aufenthalts habe ich zu keinem Zeitpunkt 'Tumult' oder 'Rauch' gesehen, schon gar nicht von meinem Hotelzimmer aus.“ Der 'Spiegel' „bedauert“ heute das „Missverständnis“ als „Verständigungsfehler“ - überrascht im Weiteren mit der Position: „Ob die sichere Entfernung nun ein Hotel (in Hamburg, d. Red.) oder ihr Zuhause (in Genua, d. Red.) war, scheint für den Inhalt des Textes zweitrangig.“ Medienprofessor Burchardt: „Das ist handwerklich desaströs. Solche Inszenierung von Journalismus untergräbt das Vertrauen in die Medien.“

Der 'Spiegel' schrieb zudem, die angeblich aus dem Hotelzimmer beobachtende Giuliani habe sich nicht an den Demonstrationen in Hamburg beteiligt: „Sie selbst marschierte nicht mit ...“ Auch nachweislich falsch: Am 5. Juli führte Giuliani mit vielen Prominenten eine große Demonstration zum G20-Tagungsort. Der „Marsch“ wurde als Livestream übertragen, viele Medien berichteten. Ex-Verleger Otto: „Solch eine Erfindung des 'Spiegel' ist kein Missverständnis mehr.“ Zumal ausgerechnet ein Kamerateam von 'Spiegel-TV' Giuliani bei der Demonstration minutenlang filmte. Auch diese Darstellung „bedauern“ die Hamburger Zeitschriftenmacher. Irritierend ist ihr Statement: „Die Aussage stammt von Frau Giuliani selbst und wird folgerichtig in indirekter Rede wiedergegeben.“ Auch hier besteht beim 'Spiegel' ein schwerwiegenedes „Missverständnis“, eines der Grammatik: Der Satz 'Sie selbst marschierte nicht mit' ist grad keine in-direkte Rede, ob des fehlenden Konjunktivs. Zudem bestreitet Giuliani die 'Spiegel'-Behauptung: „Ich weiß sehr wohl, was ich in Hamburg getan habe. Unter anderem durfte ich mit beeindruckend engagierten Künstlern, die ich nicht jeden Tag treffe, demonstrieren.“

Konstantin Wecker, der in Hamburg gemeinsam mit Giuliani auf der Bühne stand und hier mit ihr gegen G20 demonstrierte, ist empört: „Haidi Giuliani wird vom 'Spiegel' mit Lügen bloßgestellt und quasi als Voyeurin der Gewalt öffentlich angeprangert. Eine derartige Hexenjagd erinnert an dunkle Zeiten, in denen etwa Heinrich Böll seinen medienkritischen Roman 'Die verlorene Ehre der Katharina Blum' veröffentlichte." In der Tat war Giuliani in den vierzig Stunden ihres Aufenthalts ständig in der Stadt unterwegs, verschanzte sich keineswegs in ihrem Hotel, wie der 'Spiegel' suggeriert: Sie gab Interviews, allerdings nicht dem 'Spiegel'. Sie traf Aktivisten, trat bei der konzertanten Lesung von 'Lesen ohne Atomstrom' auf. Und sie demonstrierte.

Doch nicht nur bei Haidi Giulianis Hamburg-Besuch „missversteht“ der 'Spiegel' so einiges. Auch der Hamburger Buchhändler Peter Haß berichtet über „Erfindungen“ des 'Spiegel' in dessen G20-Bericht. Haß ist wie Giuliani Teil der 'Spiegel'-Story zum Staatschef-Gipfel. Er ist Kenner der Autonomen-Szene, bewertet die militanten Auseinandersetzungen um den G20 überaus differenziert. Für den 'Spiegel' aber ist klar: „Apo-Rentner wie der 70-jährige Peter Haß (…) haben Verständnis für den radikalen Nachwuchs.“ Dazu Haß: „Das habe ich nie gesagt.“ Und weiter: „Um Missverständnisse zu vermeiden hatte ich mit der Redakteurin des 'Spiegel', die mich befragt hat, vereinbart, dass ich den zur Veröffentlichung vorgesehenen Text vor dem Druck sehen kann. Der mir vorgelegte Text war korrekt und ich habe ihn so freigegeben. Allerdings stand da der Satz mit dem 'Verständnis für den radikalen Nachwuchs' nicht drin. Der Satz ist ja auch nicht von mir. Der wurde vom 'Spiegel' später hinzugedichtet.“ Haß wollte vom 'Spiegel' eine Erklärung: „Die 'Spiegel'-Redakteurin, die mit mir gesprochen hatte, sagte mir, dass es immer sein kann, dass die Chefredaktion nachträglich etwas verändert.“ Für Haß nicht nachvollziehbar: „Die Chefredaktion kann doch nicht in der Folge von Interviews ihrer Redakteure Aussagen von Gesprächspartnern einfach neu erfinden – nur weil sich das vielleicht in der Story besser anhört. Ich rate dringend ab, mit dem 'Spiegel' überhaupt zu sprechen.“

Wie Haß hatte sich auch Giuliani entschieden, zunächst auf eine angesichts der Faktenlage juristisch leicht durchsetzbare Gegendarstellung und Anzeige beim Presserat zu verzichten. Stattdessen bot das Literaturfestival 'Lesen ohne Atomstrom' - dessen Gast Giuliani war - 'Spiegel'-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer ein Gespräch an. Doch der schweigt beharrlich, ließ nach elf Wochen erstmals seine Rechtsabteilung schreiben, später seine Pressestelle – die offenbaren dabei ein Verständnis von Journalismus, das Fachleute befremdet. So war die „fragwürdige Art des Geschichtenerzählens“ (Stuttgarter Zeitung, 2011) des 'Spiegel' denn auch in der Vergangenheit schon verschiedentlich Gegenstand der öffentlichen Diskussion: In einem Fall diagnostizierte das 'Hamburger Abendblatt' einst „Betrug an der Wahrheit“, die 'tageszeitung' „Betrug am Leser“. Der ehemalige 'Spiegel'-Autor Oliver Gehrs sprach vom „Investigativ-Bluff“. Ex-Deutschlandfunk-Chef Burchardt hatte am aktuellen Fall eine „Inszenierung von Journalismus“ attestiert.

Konstantin Wecker nimmt so auch die Machart des gesamten 'Spiegel'-Artikels zu G20 in den Blick: „Die Frage des Umgangs der Linken mit Gewalt sei 'aktueller denn je', schreibt der 'Spiegel' – wie absurd! Als hätten wir gerade eine linksterroristische Mordserie erlebt, und nicht die Verbrechen des NSU sowie in großer Zahl brennende Flüchtlingsheime. Ein derartig systemfrommer Stimmungsjournalismus ist schlimm - und so durchschaubar.“

 
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