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Schwarz-Grün macht's Hamburg vor

Während Hamburgs Kultursenatorin Barbara Kisseler den Atomkonzern Vattenfall als „Mäzen“ preist und das „lobenswert unauffällige Sponsorship der RWE“ lobt, bezieht Hessens schwarz-grüne Landesregierung Position gegen Greenwashing: Die Fast-Food-Kette McDonald's hatte erklärt, künftig den Einsatz gentechnisch veränderter Futtermittel bei ihren Hähnchenfleisch-Produzenten zuzulassen. Daraufhin beendete Hessen umgehend die Kooperation mit dem Burger-Brater. McDonald's sei als Sponsor von Landesprojekten nicht mehr tragbar: „Eine erneute Zusammenarbeit ist erst wieder denkbar, wenn McDonalds seine bedauerliche Firmenpolitik überdenkt.“

Ganz anders in Hamburg: Hier brachten selbst dramatische Brände und Leckagen in den Vattenfall-Atommeilern die Kulturbehörde nicht ins Nachdenken. Um das Greenwashing-Geld Vattenfalls buhlten die hanseatischen Kulturfunktionäre auch dann noch, als der Konzern den deutschen Steuerzahler auf mehrere Milliarden Euro „Schadenersatz für den Atomausstieg“ verklagte. Mehr noch: Der Senat baute seine Unterstützung für Vattenfalls „Kulturmissbrauch“ (Jakob von Uexküll) noch beständig aus, ließ auf eigene Kosten sogar Zehntausende Vattenfall-Broschüren an Hamburgs Schüler verteilen.

„Das aktuelle Beispiel aus Hessen zeigt, dass es auch anders geht. Demgegenüber empfängt der Hamburger Senat jeden mit offenen Armen, egal wie er sein Geld verdient. Hauptsache, er bringt Geld mit“, sagt Oliver Neß, Sprecher von 'Lesen ohne Atomstrom'. Auch Roger Willemsen hatte pointiert die Hamburger Verhältnisse in Frage gestellt: „Was wäre falsch daran, wenn Heckler und Koch eine Lesung von Berta von Suttners 'Die Waffen nieder' sponsern würde?“ Zudem hatten Liedermacher Konstantin Wecker und Unternehmer Frank Otto auf die auffallend „enge Allianz von Hamburger Kulturbehörde und Atomindustrie“ hingewiesen.

Der Hamburger Senat wollte trotzdem weitermachen wie bisher: Allerdings haben Vattenfall und RWE zuletzt selbst aufgegeben, ihr Greenwashing mittels Kultur in Hamburg vorerst eingestellt.

 

DEBATTE: Kultur möglich machen – Wie das?

Wie kann die Gesellschaft Kultur ermöglichen, ohne das Greenwashing der Atomindustrie erdulden zu müssen? Dazu positionierten sich während des 4. „Lesen ohne Atomstrom“ Ende April dieses Jahres bereits Schriftsteller Frank Schätzing und Unternehmer Frank Otto. Jetzt bezieht auch der aller-erste Förderer von „Lesen ohne Atomstrom“, der Bio-Lebensmittelproduzent Bohlsener Mühle, Stellung – und versichert, „das größte Literaturfest des Frühjahrs“ (Hamburger Abendblatt) auch künftig finanziell zu unterstützen: „Unsere Zurückhaltung ist dabei nicht ganz so hanseatisch wie die von Frank Otto, nach der es nur um die Kunst gehen dürfe und nicht um die eigene Imagepolitur. Wir sponsern 'Lesen ohne Atomstrom' gern, weil die Veranstaltung in ihrem Veränderungswillen hin zu einer ökologischeren, sozialeren und nachdenklicheren Welt zu uns passt. Weltverbesserer sind wir deswegen noch lange nicht, aber wir stellen an uns als Unternehmen und an unsere Produkte den Anspruch, die Welt ein wenig besser zu machen“, sagt Bohlsen-Inhaber Volker Krause.

Frank Schätzing hatte zuvor im STERN erklärt, „Lesen ohne Atomstrom“ sei eine „handfeste Initiative, die Energiewende zu beschleunigen. Ohne Weltverbessererpathos und Konzernschelte“. Vorsichtig kritisch hatte Schätzing angemerkt, dass „die Verbissenheit, mit der Vattenfall zum Buhmann erklärt wurde“, ihn etwas gestört habe. Der Schriftsteller wünscht sich für die Kulturförderung durchaus auch „Großunternehmen“ als Geldgeber.
Dafür plädiert ebenso Kulturmäzen und Unternehmer Frank Otto: „Generell ist rein gar nichts dagegen zu sagen, wenn große Unternehmen sich für die Förderung der Kultur engagieren, so auch gesellschaftliche Verantwortung übernehmen - aber dann bitte dezent als wirkliche Mäzene, denen es um die Kunst geht und nicht für die eigene Imagepolitur." Mit Blick auf Vattenfall sagt Otto: „Das Greenwashing von Vattenfall war speziell, besonders brachial. Deswegen ist es gut, dass es das nicht mehr gibt.“
Auch Mittelständler Krause kann sich Großkonzerne als Geldgeber für Kultur vorstellen, auch für „Lesen ohne Atomstrom“. Mit einer Einschränkung: „Sie dürfen in ihrem Kerngeschäft nicht etwas betreiben, das einer sozialeren, ökologischeren und kulturelleren Welt entgegensteht.“ Und Krause geht sogar noch etwas weiter als Otto: „Wenn es passt, müssen Großkonzerne auch nicht dezent fördern, denn natürlich ist Sponsoring auch immer Imagepolitur.“ In einem sind sich alle einig: „Kein Geldgeber darf jemals Einfluss auf das Programm von 'Lesen ohne Atomstrom' nehmen.“

Der Kultur für alle e. V. - der „Lesen ohne Atomstrom“ 2011 gegründet hat - greift die Debattenbeiträge auf: „Wir laden alle 'Möglichmacher' von 'Lesen ohne Atomstrom' ein, die Motivation ihres Engagements zu formulieren – und Stellung zu beziehen, ob künftig vielleicht auch Großunternehmen als Geldgeber denkbar wären“, sagt Heiko Böttner, Vorstand des Kultur für alle e. V.. „Diese offene Debatte entwickelt das Festival kontinuierlich weiter.“

 

Schätzing und Otto zu Kulturförderung

Warum 'Lesen ohne Atomstrom'? „Um klar zu sagen: Energiewende ist machbar. Aber dann macht auch!“, erläutert Frank Schätzing aktuell gegenüber dem STERN sein Engagement für das unabhängige Literaturfestival 'Lesen ohne Atomstrom', das gestern in Hamburg eröffnet wurde. Und der Star-Autor geht gegenüber dem STERN auch auf das zweite zentrale Thema von 'Lesen ohne Atomstrom' ein: Wie können bei begrenzten öffentlichen Mitteln Literaturfestivals möglich werden?

„Kulturförderung durch Großunternehmen ist wünschenswert. Viele Künstler und Festivals könnten ohne solche Zuwendungen gar nicht überleben“, sagt Schätzing – und merkt mit Blick auf das von 'Lesen ohne Atomstrom' beförderte Aus der 'Vattenfall-Lesetage' an: „Die Verbissenheit, mit der Vattenfall zum Buhmann erklärt wurde, hat mich eher gestört. Ginge es bei 'Lesen ohne Atomstrom' einzig darum Feindbilder zu pflegen, wäre ich nicht dabei. Mich interessiert ausschließlich der Blick nach vorne: Wie kann man die Energiewende beschleunigen? Ohne Weltverbessererpathos und Konzernschelte, sondern mit handfesten Initiativen.“

'Lesen ohne Atomstrom' ist eine solch „handfeste Initiative“, wird Schätzing von Unternehmer und Kulturmäzen Frank Otto vom Kultur für alle e. V. bestärkt, der 'Lesen ohne Atomstrom' organisiert: "Das Greenwashing von Vattenfall war speziell, besonders brachial. Deswegen ist es gut, dass es das nicht mehr gibt.Generell ist aber rein gar nichts dagegen zu sagen, wenn große Unternehmen sich für die Förderung der Kultur engagieren, so auch gesellschaftliche Verantwortung übernehmen - aber dann bitte dezent als wirkliche Mäzene, denen es um die Kunst geht und nicht für die eigene Imagepolitur."
Bestseller-Autor Roger Willemsen hatte bei 'Lesen ohne Atomstrom 2012' bereits die Grenze pointiert gezogen: „Was wäre falsch daran, wenn Heckler und Koch eine Lesung von Berta von Suttners "Die Waffen nieder" sponsern würde? Man kann nicht gut gegen eine Energieform sein, sich aber durch sie finanzieren lassen.“

Das ganze Interview mit Frank Schätzing gibt’s hier auf STERN.DE

 

 

 

Beeindruckender Künstlerprotest

Der Kulturmissbrauch zwielichtiger Konzerne ist international – und der Protest dagegen zunehmend auch: Ähnlich wie seit Jahren in Hamburg mit dem Festival „Lesen ohne Atomstrom“ verwahren sich derzeit Künstler der traditionsreichen Biennale in Sidney gegen den Hauptsponsor des örtlichen Kulturereignisses. Die Firma Transfield ist als Mitinhaber privat betriebener Flüchtlingslager Teil der „unmenschlichen“ Repression gegen Flüchtlinge in Australien. Viele Biennale-Künstler kritisieren, dass Transfield „von der Abschiebungs-Industrie Australiens profitiert“, zogen ihre Werke zurück. Nachdem die Biennale-Organisatoren zunächst an ihrem Hauptsponsor festhalten wollten, gab dieser schließlich selbst auf.

Der verstorbene Transfield-Seniorchef, Franco Belgiorno-Nettis, war vor 40 Jahren einer der Mitbegründer der Sydney-Biennale. Sein Sohn und heutiger Transfield-Vorstand, Luca Belgiorno-Nettis, führte das Biennale-Sponsoring weiter, ließ sich als „Vorsitzender des Ausstellungs-Kommitees“ einsetzen.

„Lesen ohne Atomstrom“-Sprecher Oliver Neß erklärt: „Die Organisatoren von 'Lesen ohne Atomstrom' haben höchsten Respekt vor dem Künstlerprotest in Sidney. Wir werden die Erklärung der Biennale-Künstler bei 'Lesen ohne Atomstrom' in der kommenden Woche präsentieren.“

 

Auch RWE beendet Greenwashing in Hamburg

Nach Informationen aus Unternehmenskreisen soll der Atomkonzern RWE entschieden haben, sein Sponsoring des Hamburger Literaturfestivals „Harbour Front“ zu beenden. Noch wird RWE auf der Harbour-Front-Internetpräsenz als „Partner“ geführt. „Nach allem was wir hören, ist RWE aber schon beim nächsten Event im September nicht mehr dabei“, erläutert Liz Kistner, Projektkoordinatorin des Kultur für alle e. V., der „Lesen ohne Atomstrom“ organisiert.

Bei der Programmpräsentation von „Lesen ohne Atomstrom 2014“ am 11. März hatten Konstantin Wecker und Frank Otto noch darauf aufmerksam gemacht, dass Hamburgs Senat und RWE bislang gemeinsam „Harbour Front“ finanzieren – und angekündigt: „Wir werden auch das künftig mit exklusiver Kultur begleiten.“ Das ist nun offenbar nicht mehr nötig. Oliver Neß, Festivalsprecher von „Lesen ohne Atomstrom“: „Hamburg ist kein gutes Pflaster mehr für das Greenwashing der Atomindustrie. Nach dem Rückzug von Vattenfall legt nun wohl RWE seinen Kulturmissbrauch still. Trotz aller Bemühungen des Senats, den Atomkonzernen hier eine attraktive kulturelle Spielfläche zu bieten – in dieser Stadt machen Schriftsteller, Künstler, Theater, Fußballvereine, Bücherhallen, Unternehmer und viele engagierte Bürger die Strategie der Atomindustrie öffentlich zum Thema, akzeptieren das Greenwashing nicht länger. Frei nach Elke Heidenreich: Schön, dass die Atomkonzerne das jetzt eingesehen haben.“

 


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