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Journalistischer GAU

Seit nun fast einem Jahr fließt das Geld aus Seattle in die Hamburger Hafencity, von der Stiftung des milliardenschweren Atomlobbyisten Bill Gates zum vom Auflagenschwund gebeutelten 'Spiegel': Und plötzlich titelt die Zeitschrift „Atomkraft? Ja bitte!“ Unter der Überschrift 'Strahlend grün' wird sodann auf sieben Seiten ausführlichst die Möglichkeit einer „Renaissance der Kernenergie“ mit angeblich innovativen Reaktoren skizziert. Und nachdem der 'Spiegel'-Autor den Atomausstieg hierzulande eingangs als „deutschen Irrweg?“ hinterfragt, ergeht er sich regelrecht prosaisch: „In einer Welt, die den Klimawandel als Apokalypse beschreibt, wandelt sich die Atomkraft vom Teufelswerk zum rettenden Geschenk der Natur.“ Zwar räumt der 'Spiegel'-Mann die Probleme der Vergangenheit bei den zur Abschaltung bestimmten Atommeilern ein: Sie sind teuer, hinterlassen Unmengen strahlenden Mülls, der eine oder andere ist mehr oder weniger weit entfernt gar spektakulär abgeraucht. Doch das alles war gestern – denn es gebe, zumindest im Labor, andere Atomreaktoren, die all die unbestrittenen Nachteile nicht hätten. Und diese Meiler kommen, rein zufällig, aus dem Hause Gates!

Der hat dafür einst die Firma 'Terrapower' gegründet. Und scheint im Zuge der Klimadiskussion Morgenluft zu wittern, mit ihm der 'Spiegel'-Mann. Der selbst hatte vor neun Jahren – damals sponsorte Gates das hanseatische Medienhaus noch nicht – schon einnmal über solch kompakte Reaktoren berichtet, widmete Gates' strahlendem Engagement seinerzeit aber nur wenige Zeilen. Und der Tenor damals war auch gänzlich anders: Unwirtschaftlich, unkalkulierbare Proliferation, aus dem „Reich der Phantasie“ - und „die Atomkraftbranche will sich mit Mini-Meilern in die Zukunft retten“, mutmaßte der 'Spiegel' argwöhnisch, damals. Heute hingegen wirft sich derselbe Schreiber in einem den Artikel ergänzenden Videostatement - unterlegt durchweg mit Animationsmaterial von Gates' Firma 'Terrapower' – noch persönlich ins Zeug: „Ich glaube, es liegt eine Chance in der Kernenergie, die auch Deutschland nicht auf alle Zeit ungenutzt lassen sollte.“ Sein zentraler Kronzeuge dafür – der auf mehr als einer Seite in der Zeitschrift das Wort hat – überrascht: Es ist ein Psychologe(!). Der Erforscher des Seelenlebens gibt sich in der Atomphysik überaus sachkundig: „Finnland wird mit dem weltweit ersten Endlager zeigen, dass die Lagerung in unterirdischen Stollen sicher sein kann“, weiß der Psychologe weltexklusiv schon jetzt das globale Atommüllproblem gelöst - wo die unterirdischen Kammern im hohen Norden nach Betreiberangaben noch nicht einmal eine Betriebsgenehmigung haben, geschweige denn auch nur ein strahlendes Müllfass dort steht. Und der Psychologe weiß auch alles über die deutsche Befindlichkeit: „Wenn die Deutschen sehen, dass die Versprechen der erneuerbaren Energien nicht aufgehen, und gleichzeitig kompaktere und günstigere Kernreaktoren marktreif werden, dann kann der Anti-Atom-Konsens schnell wieder infrage stehen.“ 'Spiegel'-Förderer Gates wird’s wohl gern lesen, entwickelt sein 'Terrapower' doch genau diese vom 'Spiegel' ausführlichst beschriebenen „kompakten und günstigen“ Reaktoren seit mehr als einem Jahrzehnt unter Einsatz Hunderter Millionen Dollar - und bewirbt sie gleichermaßen eifrig wie erfolglos.

Ganz so viel Geld wie für seine Atomvisionen lässt der spendable Amerikaner für den 'Spiegel' zwar nicht springen. Die angeblich für drei Jahre ausgelobte Zuwendung soll aber schon im Millionenbereich liegen, heißt es im Verlag in der Hafencity hinter vorgehaltener Hand. Gates' milde Gabe finanziert dem Hamburger Medienhaus nach eigenen Angaben die Arbeit einer eigens geschaffenen Abteilung, namens 'Globale Gesellschaft'. Dessen „neue Korrespondentenstellen stärken unsere Auslandsberichterstattung“, frohlockte man zum Start. Ahnte aber auch bereits, dass die großzügige Finanzspritze des amerikanischen Atomenthusiasten durchaus delikat ist: So beteuerte einer der Redaktionschefs umgehend mit der Veröffentlichung des Geldsegens aus Seattle, dass „die redaktionellen Inhalte ohne Einfluss durch die Stiftung entstehen“. Die aktuelle Jubelstory über Gates' Atomschmiede wurde in der Rubrik 'Wissenschaft' platziert. Und die produziert der 'Spiegel' dem Vernehmen nach wohl ganz ohne vermögenden Gönner - noch.

 

EIN AUFRUF ZUM ENGAGEMENT

Am 28. März ist das ausdauerndste 'Lesen ohne Atomstrom' zu Ende gegangen – das bereits im November 2018 begonnen hat. Zum Finale resümierte ein Generationendialog den Festivaltitel 'Protest & Widerstand': mit den prominenten Protagonisten der 68er-Bewegung, Gretchen Dutschke und Hannes Heer, und der 31-jährigen Aktivistin Emily Laquer. Sie diskutierten die Verdienste der antiautoritären Revolte vor 51 Jahren und deren Bedeutung für heutiges Engagement. Dutschke: „Ohne '68 wäre vieles an Protest und Einmischung heute nicht möglich.“ Was Laquer als „kritische Erbin der 68er“ bestätigt: Für die Sprecherin der Hamburger G20-Proteste ist „'68 auch heute, radikale Kämpfe sind bitter nötig.“ Bei der achten Ausgabe des unabhängigen Kulturfestivals würdigten insgesamt mehr als drei Dutzend namhafte Autoren und Künstler zivilgesesellschaftliches Engagement – gemeinsam mit 2.028 Zuschauern. Frank Otto, Vorstand des veranstaltenden Kultur für alle e. V.: „Das Zuschauerinteresse ist anhaltend hoch. Seit dem Start im Jahr 2011 besteht eine Auslastung von nahezu hundert Prozent.“ Otto und Festivalsprecher Oliver Neß blickten auch voraus: Am Konzept der neunten Ausgabe des Festivals werde bereits gearbeitet, denn: „'Die reinste Form des Wahnsinns ist es, alles beim Alten zu lassen – und gleichzeitig zu hoffen, dass sich was ändert.' Dieser Feststellung Albert Einsteins fühlt sich 'Lesen ohne Atomstrom' verpflichtet und bietet weiter die Bühne für engagierte Literatur, für den gesellschaftlichen Widerspruch von Autoren und Künstlern.“

 

Atomalarm im Hafen

Am Samstag, so gut informierte Kreise, wird der Atomfrachter 'Link Star' die Elbe hinaufkommen. Nach aktuellem Kenntnisstand soll er deutsche Brennelemente zum finnischen Atomkraftwerk Olkiluoto transportieren. Die Brennelemente kommen aus der Atomfabrik im niedersächsischen Lingen - mit LKWs: Diese werden wahrscheinlich am Freitagabend durch Hamburg fahren. Die Verladung der Atomfracht auf die 'Link Star'erfolgt dann am Unikai der städtischen HHLA. Vor fast genau einem Jahr hatte der rot-grüne Senat über NDR und Hamburger Abendblatt den angeblichen Stopp der Atomtransporte über den Hafen lanciert - glatt gelogen.

 

Auch im 8. Jahr: Exklusive Programme - Volle Häuser

Seit November '18 tritt wieder ein außerordentlicher Reigen namhafter Autoren und Künstler auf Hamburgs attraktivsten Bühnen für die Beschleunigung des Atomausstiegs auf. Stets vor vollen Häusern: Bislang sahen 1.823 Zuschauer beim '8. Lesen ohne Atomstrom' die mehr als drei Dutzend Autoren und Künstler und die Ausstellung 'Die Diskreditierten'. Vor dem abschließenden Epilog am 28. März mit Gretchen Dutschke, Emily Laquer und Claus Peymann bilanziert Frank Otto, Vorstand des 'Lesen ohne Atomstrom' veranstaltenden Kultur für alle e. V.: „Das Zuschauerinteresse ist anhaltend hoch. Seit Start des Festivals im Jahr 2011 besteht eine Auslastung von hundert Prozent. Insgesamt konnten wir in 73 Veranstaltungen 32.000 Zuschauer begrüßen.“

 

HEUTE - FABRIK: Frida Kahlo konzertant – mit Suzanne von Borsody

Und es geht immer weiter – nach Prolog und Festivalwoche folgt Teil 3 des diesjährigen Festivals: Das Finale. Mit Suzanne von Borsody, die das Werk Frida Kahlos, Vorkämpferin der neueren Frauenbewegung, konzertant präsentiert. Heute Abend in der Fabrik.

 


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